Wie mit Bären zusammenleben

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Die Bärenjagd überall in Europa führte in vielen Gegenden zum Aussterben der Art. Wikimedia.

Die Bärenjagd überall in Europa führte in vielen Gegenden zum Aussterben der Art. Wikimedia.

Wie mit Bären zusammenleben

In einem aktuellen Forschungsprojekt analysiert Wilko Hardenberg die Geschichte und Politik des Zusammenlebens zwischen Menschen und Bären.

Die Tatsache, daß in Europa Bären leben, ist in jüngster Zeit deutlicher ins Bewußtsein gedrungen, weil einige gewaltsame Begegnungen mit diesen mächtigen Säugetieren international für Schlagzeilen gesorgt haben.

Ende Juli endete ein Zusammentreffen in den italienischen Alpen zwischen einer Bärin, der 14jährigen Kj2, einem Mann und dessen Hund damit, daß der Mann ins Krankenhaus gebracht werden musste. Einige Wochen später wurde Kj2 auf Anweisung der Provinzverwaltung erschossen. Ungefähr um die gleiche Zeit scheuchte ein Bär in den französischen Pyrenäen eine Schafherde auf und trieb sie über den Rand einer Steilküste in den Tod.

Dass Konfrontationen mit Bären jetzt immer öfter vorkommen, ist kein Zufall. Seit den frühen 1990er Jahren sind Bären, wie auch andere große Raubtiere, in ganz Europa wieder angesiedelt worden, dank der Wildlife-Programme, die von der Europäischen Union gefördert werden.

Gemeinden und Lokalpolitiker plädieren aufgrund dieser Vorfälle immer lauter dafür, vielleicht nicht unbedingt die Übeltäter rundheraus zu verbannen, aber doch die seit Jahrzehnten laufenden Programme einer Revision zu unterziehen. Es gibt auch Aufrufe, die Bärenjagd wieder zuzulassen, obwohl Bären in Westeuropa nach wie vor zu den gefährdeten Arten zählen.

Wie ich kürzlich in einem Beitrag über die Erhaltung der Bären in den italienischen Alpen erklärt habe (in: The Nature State. Rethinking the History of Conservation (Routledge, 2017), geht es hier um Biosicherheit. Der Staat muss in den betroffenen Gemeinden persönliche und ökonomische Sicherheit garantieren können, gleichzeitig aber das Recht von ikonischen Arten verteidigen, Gebiete zu durchstreifen, die einstmals ihr Territorium waren.

Das stellt sich als eine schwierige Balance heraus.

Jagen oder erhalten?

Bis in das frühe zwanzigste Jahrhundert hinein zogen die nationalen Regierungen in Österreich und Italien an einem Strang mit den Gemeinden und boten Geldprämien für jeden bei einer Jagd erschossenen Bären Hier wurden also die Risiken des Zusammenlebens praktisch vollständig von den Bären getragen.

Mit den radikalen Veränderungen der Alpenlandschaften im letzten Jahrhundert haben sich die für Bären zur Verfügung stehenden Gebiete deutlich verkleinert. Die Kombination aus veränderter Siedlungsweise und staatlicher Ausrottungsstrategie, hat sich, was Verringerung der Bärenpräsenz im Alpenraum angeht, als sehr wirksam erwiesen. Gegen Ende der 1930er Jahre waren die meisten alpinen Bärenkolonien ausgelöscht, mit Ausnahme einiger kleiner Populationen in Slowenien und Nordostitalien.

 

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Die Rückkehr der europäischen Braunbären in die Alpenregion bringt es mit sich, dass Menschen etwas über das Zusammenleben mit Bären lernen müssen.

Die Rückkehr der europäischen Braunbären in die Alpenregion bringt es mit sich, dass Menschen etwas über das Zusammenleben mit Bären lernen müssen. Alexas Fotos/Pixabay.

Als Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts die Bewegung zur Erhaltung der Bären in Schwung kam, gab es besonders in Italien Bestrebungen, die noch verbliebenen Arten zu erhalten. Die faschistische Regierung verhängte 1939 ein totales Jagdverbot und es gab Pläne, in Norditalien in den Trentiner Alpen ein Naturreservat einzurichten. 

Parallel dazu gewährte ein komplexes System finanzieller Entschädigungen den Hirten zumindest einen gewissen Ausgleich für Verluste, die sie durch Bärenangriffe auf ihre Schafe oder Rinder erlitten. Damit trug der Staat zumindest einen Teil der mit dem Zusammenleben mit Bären verbundenen Risiken.

Jedoch erwiesen sich die Anstrengungen zur Erhaltung der Kolonie in Trient als wirkungslos: Ende der 1980er Jahre schätzte man die verbliebene Population als zu klein an, als daß sie sich auf Dauer noch reproduzieren könnte. Daher wurden Bären aus Slowenien nach Trient gebracht, um eine dauerhafte Präsenz der Bären zu sichern.

Diese Wiederansiedlungsprogramme jedoch führten auf lokaler Ebene zum Vertrauensverlust in den Staat, denn er schien sich jetzt auf die Seite der Bären und der Erhaltungsbewegung zu schlagen.

Bären und Xenophobie

Angriffe, wie der von Ende Juli und ein Vorfall im Jahr 2014, der zum Tod der Bärin Daniza führte, haben anscheinend auch tiefer liegende Instinkte bei einigen Politikern erweckt. Nach jeder dieser gewaltsamen Begegnungen mit Bären –- wenn man nur die wirklich beängstigenden zählt, sind es immer noch ziemlich seltene Vorfälle – haben einige Politiker fast denselben fremdenfeindlichen Ton angeschlagen wie bei ihrer Kritik an der europäischen Einwanderungspolitik.

Die Bären von Trient werden als gefährliche Fremdlinge eingestuft, die nicht in das Gebiet gehören, das sie bewohnen. Bürger werden aufgerufen, ihre Heimat gegen die Bären zu verteidigen, die von Politikern der Gegenparteien, nach Jahrhunderten planmäßiger Vernichtung, wieder angesiedelt worden sind.

 

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Die in den Alpen wiederangesiedelten europäischen Braunbären rufen fremdenfeindliche Regungen hervor.

Die in den Alpen wiederangesiedelten europäischen Braunbären rufen fremdenfeindliche Regungen hervor. Pixabay.

Es mag sein, daß die Bärin Kj2, die getötet wurde, nachdem sie einen Mann krankenhausreif zugerichtet hatte, ein gefährliches Exemplar ihrer Spezies war. Aber einige Berichte lassen es auch plausibel erscheinen, daß sie einfach in Selbstverteidigung agiert hat, gegen einen aus Angst mit seinem Stock herumfuchtelnden Mann und seinen Hund.

Man hätte die Bärin wahrscheinlich auch in ein sichereres Gebiet bringen können. Das hätte die verängstigten Menschen vor Ort beruhigt und die Debatte über das Zusammenleben mit Bären auf eine weniger konfrontative Ebene gebracht.

 

Wie zahlreiche Anhänger der Erhaltungsbewegung und Animal-Rights-Aktivisten betont haben, kann man es als eine unangemessene Reaktion ansehen, Kj2 allein dafür zu erschießen, daß sie das natürliche Verhalten eines Bären an den Tag gelegt hat. Die Verteidiger der Bärin haben zu einem Touristenboykott der Region aufgerufen.

Die Bedeutung des Zusammenlebens

Konflikte zwischen Menschen und Bären oder Stellvertreter-Konflikte in Bärenfragen, zwischen lokalen Stellen und staatlichen Behörden, sind in Trient nichts Neues.

Das Zusammenleben mit Bären war der Normalzustand in den Alpen, lange bevor die Wiederansiedlungsprogramme begonnen haben. Hirten haben seit einem Jahrhundert nach Wegen gesucht, mit Bären zurechtzukommen, und sie haben ihre Strategien den wechselnden staatlichen Normen und der Gesetzgebung jeweils angepasst. Die Angriffe von Bären sind nur die neueste Erscheinungsform eines Konflikts über Zugang und Nutzung von Ressourcen, der in dieser ländlichen Region seit jeher an der Tagesordnung war.

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Menschen können mit Bären friedlich zusammenleben,  auch mit den realen.

Menschen können mit Bären friedlich zusammenleben, auch mit den realen. Pezibear/Pixaby.

Aber über die Jahrhunderte haben nicht nur die Populationen der Großraubtiere abgenommen, sondern auch unsere Toleranz für Risiken. Dekadenlange Sicherheit vor Bärenangriffen hat dazu geführt, dass beispielsweise die moderne Schafhaltung nicht mehr für eine Nachbarschaft zu Bären geeignet ist. 

Es gibt keine Möglichkeit, Begegnungen und Konflikte gänzlich zu vermeiden, aber es ist möglich, deren Auswirkungen zu mildern. Wenn man klare Regeln aufstellen würde, was Menschen tun dürfen und was nicht, und wie sie sich in von Bären durchstreiften Gegenden verhalten sollten (einschließlich klarer Angaben darüber, wo sich solche Gebiete befinden), wäre das schon einmal ein guter Anfang. Mit Stöcken herumzufuchteln, sich Jungtieren zu nähern und Hunde von der Leine zu lassen, dies alles wäre in solchen Richtlinien ganz gewiss nicht enthalten.

Kosten und Risiken des Zusammenlebens müssen auf gerechtere Weise auf alle Beteiligten verteilt werden, auf Touristen und Hirten, auf Lokal- und Provinzverwaltungen und, gewiss, auch auf die Bären.

Denn die Alpen haben ein Anrecht auf ihre Bären und die Bären haben ein Anrecht auf ihre Alpen.

Dieser Beitrag wurde ursprünglich veröffentlicht in The Conversation. Hier kommen Sie zum Originalartikel.

Archiv der Forschungsthemen

Die Bärenjagd überall in Europa führte in vielen Gegenden zum Aussterben der Art. Wikimedia.
52: Wie mit Bären zusammenleben
51: Die Wunder körperlicher Abfallprodukte
Bathymetry model of the Strait of Gibraltar ca. 1932, Instituto Español de Oceanografía.
50: Die Meerenge im Kalten Krieg – Tiefenforschung und globale Geopolitik im Mittelmeerraum
Andreas Ryff, Münz- und Mineralienbuch, 1594. Autograph in possession of the Basel University Library (A lambda II 46a).
49: Berggeschrey! Rohstoffströme und Metallkultur im frühneuzeitlichen Bergbau
Parades of Miners, Craftsmen, and Officials Marking the Marriage of Friedrich August II, Elector of Saxony, and Maria Josepha, Archduchess of Austria in 1719. Bergakademie Freiberg.
48: Erfahren und Entscheiden in frühneuzeitlichen Bergwerken
Transcript of a Bobolink song by Ferdinand S. Mathews (1904), Field Book of Wild Birds and Their Music: A Description of the Character and Music of Birds.
47: Wissenschaftliche Ergebnisse und musikalische Ohren: Klangdiagramme von Feld-Tonaufnahmen
School of Athens
46: Die Bearbeitung der aristotelischen Mechanik in der frühen Neuzeit
better shelter
45: Flüchtlingsunterkünfte
44: Klimatologie kartieren
Black Hole Merger
43: Hundert Jahre Gravitationswellen
42: Wie hoch ist das Meer?
41: Die Neuerfindung der Einsteinschen Relativitätstheorie in der Nachkriegszeit
40: Sind Daten politisch?
39: Aus Schall wird Wissen
38: Farben und ihr Kontext
37: Ist größer besser?
36: Wurzeln der Sprachfamilien-Bäume
35: Genetik menschlich machen
34: Galileos Gedankenwerkstatt
33: Die Geschichte von Big Data
32: Waagen zwischen Innovation und Wissen
31: Blick auf Vielfalt
30: Wie Rezepte in frühneuzeitlichen Haushalten Wissen schufen
29: Metallurgie, Ballistik und epistemische Instrumente
28: Überwachte Wissenschaft
27: Die Globalisierung des Wissens und ihre Konsequenzen
26: Parts Unknown: Das Vertraute fremd machen
25: Bevölkerungsgröße und Geschlechterproportion
24: Gefährdung und ihre Folgen
23: Die Gleichgewichtskontroverse
22: Künstlerwissen im frühneuzeitlichen Europa
21: Wissenslandschaften
20: Babys beobachten in Fin-de-siècle-Amerika
19: Lassen wir ihn die Sprache wieder erobern
18: Geschichte(n) der Wissenschaftlichen Beobachtung
17: Historische Epistemologie: Zur Einführung
16: Johann Lamberts Konversion zu einer Geometrie des Raumes
15: Die unscharfen Grenzen zwischen Licht und Materie
14: Jeder Schritt wird aufgezeichnet werden
13: Hofiertes Handwerk
12: Kants naturtheoretische Begriffe
11: Jean Piaget und die spontane Geometrie des Kindes
10: Galilei und die Anderen
9: Eine Wissensgeschichte der menschlichen Vielfalt
8: Träumen in und von der Neurophilosophie
7: Wer waren Einsteins Gegner?
6: Physiologie des Klaviers
5: Getupfte Bienen
4: Neue Wege für die Nutzung digitaler Bilder
3: Vielsagende Instrumente
2: Microscope Slides - ein Objekt der Wissenschaftsgeschichte?
1: Was ist und wozu dient die historische Epistemologie?